Manfred Grund: Dem Fremden die Tür öffnen
Die wöchentliche Kolumne für TLZ / Eichsfelder Tageblatt: Türkische Mitbürger integrieren

Besuch des deutsch-türkischen Gymnasiums in Istanbul, dessen türkische Schüler später häufig in Deutschland studieren
Die Liturgie vom letzten Sonntag begann mit einer Lesung aus dem 2. Buch Mose über Fremde, deren schweres Los und die Mahnung, Fremde ordentlich und gutherzig zu behandeln. Es ist immer und überall ein schweres Los, in der Fremde sein Brot essen zu müssen. Die Lesung endete mit dem Satz: „Den Fremdling sollst du nicht bedrängen und ihn nicht bedrücken, denn Fremdlinge seid ihr im Land Ägypten gewesen.“
Über den Umgang mit Fremden ging es auch in dieser Woche im Deutschen Bundestag. Am Mittwochabend gab es eine Debatte über „50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei“. Denn mit dem Wiederaufbau aus den Trümmern des verlorenen Weltkrieges und dem einsetzenden Wirtschaftswunder suchte die westdeutsche Industrie nach Arbeitskräften. Millionen deutsche Soldaten waren nicht oder mit schweren Verletzungen aus dem Krieg oder Kriegsgefangenschaft heimgekehrt. Diejenigen, die in Arbeit waren, wollten für ihre gute Arbeit auch guten Lohn und Arbeitszeitverkürzungen. Also wurden im Ausland Arbeitskräfte angeworben. Zuerst in Spanien, Italien und Portugal. Dann seid 1961 auch in der Türkei. Dies war in deutschem, in türkischem und auch in amerikanischem Interesse: Die USA wollten die Regionalmacht Türkei an Europa binden. Deshalb auch die Aufnahme der Türkei in die NATO, deshalb auch der Druck aus den USA, die Türkei in die EU aufzunehmen. Man ist geneigt, den USA zu empfehlen, zuerst Mexiko zu integrieren, bevor sie uns mit weiteren solch selbstlosen Ratschlägen kommen.
Doch auch die Türkei hatte Interesse, die rasant wachsende Bevölkerung Anatoliens in Arbeit zu bringen und zu ernähren.
So wurden Arbeitskräfte gerufen und Menschen sind gekommen. Menschen mit Hoffnungen und Wünschen, mit ihrer fremden Kultur und Geschichte. Obwohl bei 600.000 türkischen Gastarbeitern bereits 1973 ein Anwerbestopp erlassen wurde, leben heute etwa drei Millionen Menschen türkischer Herkunft in Deutschland. Knapp eine Million mit deutschem Pass. Aber 70% fühlen sich immer noch fremd in Deutschland, leben eine andere Kultur, haben Schwierigkeiten mit der Sprache und klagen über mangelnde Akzeptanz.
Dabei gibt es viel Positives, welches sich Türken im Miteinander bewahrt haben. So der hohe Stellenwert der Familie, Liebe zu Kindern, Achtung der Älteren. Türken leben einen manchmal überschäumenden Nationalstolz und sind aus der Gastronomie und aus unseren Fußballmannschaften nicht mehr wegzudenken. Es gibt mehr als 200.000 türkische Unternehmen in Deutschland. Für deutsche Unternehmen ist die Türkei ein interessanter Markt.
Viele in Europa haben Hoffnung, dass nach den Umwälzungen in Nord-Afrika dort laizistische Staaten nach dem Modell der Türkei entstehen und nicht Saudi-Arabien, Pakistan oder Iran zum Vorbild genommen werden.
Seit 50 Jahren leben Türken nunmehr in Deutschland. Nicht Assimilation, sondern Integration ist die vordringliche Aufgabe für die nächsten Jahrzehnte.
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