Manfred Grund: Blühende Landschaften
Die wöchentliche Kolumne für TLZ / Eichsfelder Tageblatt: Tagung mit Menschenrechtlern aus allen Regionen Russlands
Letzte Woche war ich einige Tage in Russland unterwegs, genauer in Sibirien. Soweit der Weg, so beschwerlich die Reise.
Erste Station war mit Krasnojarsk ein Industriezentrum in Mittelsibirien, an den Ufern des Jenissei. Hierher war ich zu einer Konferenz mit dem sperrigen Thema „Menschenrechte im System der Strafverfolgung: internationale Gesetzgebung und nationale Alltagspraxis“ eingeladen. An der Tagung nahmen Menschenrechtler aus allen Regionen Russlands teil. Zur Einstimmung in das Thema stand die Besichtigung eines Gefängnisses auf der Tagesordnung.
Der Jenissei wird auch als „Tränenfluss“ bezeichnet. An seinen Ufern hatten die Sowjets hunderte Arbeitslager und Gulags errichtet. Millionen unschuldiger Menschen, Russen und auch Deutsche sind hier durch Zwangsarbeit, Hunger, Kälte und Gewalt umgekommen.
Nach der Konferenz bin ich auf einem Schiff 500 km stromabwärts nach Norden gefahren. Ziel war die Stadt Jenisseisk, die auf dem Landweg nicht zu erreichen ist. Links und rechts vom Fluss dehnt sich endlos die Taiga. Auch hier gab es viele der berüchtigten Arbeitslager und hierher wurden auch viele Deutsche deportiert, besonders nach der von Stalin verordneten Auflösung der „Wolga-Republik“ im September 1941.
Von den 800.000 Wolgadeutschen haben nur wenige überlebt, heute siedeln noch 400 im Gebiet Jenisseisk. Es ist tiefstes Sibirien, der harte Winter dauert acht Monate.
Ein alter Mann, der als Kind mit seinen Eltern nach Sibirien deportiert wurde, sagte mir in seinem alt-schwäbischen Dialekt: „Mutter und Vater musste in Bergwerk einfahren. Sind nicht wieder herausgekommen.“ Überlebt hat er nur, weil eine russische Familie ihn aufgenommen hatte. Der Mensch kann sicher viel Schweres und viel Leid ertragen. Doch unsere heutige Wohlstandsgeneration würde schon unter der Hälfte zusammenbrechen.
In Engels, der ehemaligen Hauptstadt der „Wolga-Republik“ wurde aus Anlass von 70 Jahren Deportation ein Denkmal errichtet. Gewidmet den nach Sibirien und Zentralasien vertriebenen Männern, Frauen und Kindern, die in Kohleschächten und in Waldwirtschaft zur Zwangsarbeit verpflichtet waren. Unvorstellbar ist das Leiden dieser armen Menschen, und es waren nicht nur Deutsche. Das Denkmal soll an die Toten erinnern und uns Mahnung sein. Darauf ist ein Zitat von Alexander Solschenizyn zu lesen. Er hatte erlebt, wie die Deutschen nach der Deportation ihr Schicksal annahmen und sich wieder unter schweren Umständen ein Zuhause schufen. Die Inschrift lautet:
„Es gibt auf der Welt wohl keine Wüste, die die Deutschen nicht in eine blühende Landschaft verwandeln könnten.“
So sehen uns andere Völker. Ich bin sehr nachdenklich den weiten Weg nach Deutschland zurückgefahren. Den alten Mann aber habe ich fest umarmt, ich werde ihn und sein Schicksal nicht vergessen.
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