Gedanken zum 50. Jahrestag des Mauerbaus
An diesem Samstag jährt sich zum 50. Male der 13. August 1961, als die DDR-Führung zunächst den Ostteil Berlins von den Westsektoren abgrenzte und ein hochgesichertes Grenzregime an der Staatengrenze zur Bundesrepublik Deutschland einrichtete. Aus diesem Anlass erinnert sich der Bundestagsabgeordnete Johannes Selle:
«Die Mauer gehörte zu meiner kindlichen Erfahrungswelt. Die Bevölkerung, die in der Nähe der Mauer lebte, benötigte Passierscheine, um durch die auf jeder Straße bewachten Schlagbäume zu kommen. Einen Passierschein für den Schlagbaum in den 5-Kilometer-Bereich, einen weiteren Passierschein für den Schlagbaum in den 500-Meter-Bereich. Wenn mich Freunde besuchten, schliefen wir bei Bekannten außerhalb des Sperrgebietes. Mein Patenonkel, dessen Sohn „abgehauen“ war, wie es damals hieß, wurde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zwangsumgesiedelt. Die „Fragen der Grenzsicherheit“ besaßen oberste Priorität. Alles war bitterernst. Der Lehrer für „Staatsbürgerkunde“, ein obligatorisches politisches Fach, ließ mich in jeder Stunde die Überlegenheit spüren, die er aus der Überlegenheit des Sozialismus entnahm. In der vormilitärischen Ausbildung wurde kein Zweifel gelassen, dass wir die Errungenschaften des Sozialismus mit dem Leben zu verteidigen hatten. Nichts stand in Frage.
Später habe ich mich geschämt für diesen Schandfleck und die zu geringe Reflexion der Lage in Deutschland. Die ständige Aufrüstung diente angeblich dem Frieden, der ärgste Feind bestand im anderen Teil Deutschlands, die Naturgesetze der Gesellschaft waren auf unserer Seite.
Die Mauer wurde errichtet, weil der Sozialismus nicht überzeugte, der im Herrschaftsbereich der Sowjetunion aufgebaut werden sollte. Zwang überzeugt erst recht nicht und kann auch nicht erfolgreich sein. Er erzeugt Leid.
Sehr glücklich bin ich darüber, wie die unüberwindbar scheinende Spaltung aufgelöst wurde, mit Besonnenheit auf allen Seiten. Der Frieden in Europa ist ein großes Stück vorangekommen. Wir haben keinen Feind. Deutschland hat den Weg zurück in die Völkergemeinschaft gefunden. Deutschland genießt unter den Völkern wieder hohes Ansehen.
Wir können im vereinigten Deutschland unsere Angelegenheiten offen diskutieren und verschiedenen Lösungsansätzen eine Chance geben.
Tunesischen Abgeordneten, die uns in Berlin nach Ausbruch des arabischen Frühlings besuchten, musste ich viele Fragen dazu beantworten, wie uns das in Deutschland gelungen ist. Sudanesische Politiker bitten uns um stärkeres Engagement, weil wir doch so erfolgreich aufbauen können.
Die Mauer ist noch nicht aus allen Köpfen verschwunden. Die Betonköpfe erscheinen mir nicht besonders weise.»
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Category: Allgemein, Geschichte, Johannes Selle
















