Auf gepackten Koffern
Die wöchentliche Kolumne für TLZ / Eichsfelder Tageblatt: Stimmen die Bedingungen nicht, wandern Fachkräfte ab
Was macht eigentlich die deutsche Wirtschaft? Noch vor einem Jahr waren uns Wachstumseinbrüche und steigende Arbeitslosenzahlen vorhergesagt worden als Folge der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise. In einer konzertierten Aktion von Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften haben wir uns in Deutschland erfolgreich gegen diese Depression gestemmt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die deutsche Wirtschaft wächst und wächst. das Bruttoinlandsprodukt ist 5 Prozent gestiegen und hat das Vorkrisenniveau von Anfang 2008 wieder überschritten. Dies ist das höchste Wachstum seit der deutschen Vereinigung im Jahr 1990. Die beeindruckende Wirtschaftsleistung wurde im ersten Quartal 2011 von 40,4 Millionen Erwerbstätigen erbracht, das sind 552.000 Personen mehr als noch im Jahr zuvor.

Eine moderne Wirtschaft braucht gut ausgebildete Fachkräfte (die Person auf dem Foto ist nicht identisch mit der beschiebenen Person im Text) | Foto: Siemens AG, München/Berlin
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Zeitungsberichten zufolge beklagt jedes dritte deutsche Unternehmen bereits jetzt einen Mangel an Fachkräften, an Facharbeitern. Betroffen seien Branchen wie die Zeitarbeit, das Gesundheitswesen, die Informationstechnik, das Baugewerbe und der Maschinenbau. Die gesunkene Geburtenrate, der Geburtenknick nach 1990 wird die Situation mit jedem Jahr noch verschärfen.
Auch Unternehmen im Eichsfeld berichten über das Problem des Fachkräftemangels. Man sollte annehmen, dass in dieser Situation Facharbeiter bei der Arbeitsplatzsuche gute Karten haben. Doch weit gefehlt! Bei der Probe auf die Wirklichkeit erlebt man Überraschendes. Die Wahrheit ist immer konkret, deshalb hier ein konkretes Beispiel:
In meine Sprechstunde in Heiligenstadt kam ein junges Ehepaar, Eltern von drei kleinen Kindern. Der Vater ist gelernter Werkzeugmacher und hat 17 Jahre in einer Firma als Schichtführer / Anlagenführer gearbeitet. Nachdem die Firma ihre Niederlassung im Eichsfeld geschlossen hatte, hat der Mann sich zum „geprüften Technischen Fachwirt“ weiter qualifiziert. Mit diesem Rüstzeug hat er sich dann bei verschiedenen Firmen im Eichsfeld beworben. Reaktionen gleich Null. Entweder wurde gar nicht geantwortet oder ohne Vorstellungsgespräch abgeschrieben. Die junge Familie sitzt nunmehr auf gepackten Koffern Richtung Westen. Ich habe noch versucht, den Facharbeiter in ein mir bekanntes Unternehmen zu vermitteln. Aber dort wollte man ihn nur für deutlich unter zweitausend Euro, wenn überhaupt, einstellen. Davon kann man eine fünfköpfige Familie nicht über die Runden bringen. Wahrscheinlich verlieren wir die junge Familie, einen Facharbeiter, eine liebevolle Mutter und drei Kinder nach dem Westen.
Leute, wenn ein Facharbeiter mit seinem Gehalt seine Familie nicht mehr ernähren kann, dann ist etwas faul im Staate. Und von Facharbeitermangel braucht mir nach dieser Erfahrung niemand mehr etwas zu erzählen!
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