Manfred Grund: Kein Festhalten an bisheriger Atompolitik
Die wöchentliche Kolumne für TLZ / Eichsfelder Tageblatt: Zwei Drittel der Deutschen befürworten einen sofortigen Ausstieg aus der Kernkraft
Politik sollte mit der Betrachtung der Wirklichkeit beginnen und darauf ihre Entscheidungen aufbauen. Die Wirklichkeit ist aber nicht immer angenehm und so gibt es auch in der Politik die Versuchung, sich aus der Realität wegzuträumen. Man kann dies mit dem „Pippi-Langstrumpf-Prinzip“ umschreiben: „Ich mache mir die Welt, so wie sie mir gefällt.“
Auch die aktuelle Atom-Debatte sollte näher an den Tatsachen geführt werden. Tatsache ist, dass nach den Ereignissen in Fukushima zwei Drittel der Deutschen einen sofortigen Ausstieg aus der Kernkraft befürworten und dass es seitens der Bundesregierung kein Festhalten an der bisherigen Energiepolitik geben konnte. Vor Fukushima sollten die deutschen Kernkraftwerke noch im Schnitt 20 Jahre Strom liefen, um bis dahin den Anteil an alternativen Energiequellen zu erhöhen, neue Leitungssysteme zu bauen und Voraussetzungen zur Energiespeicherung zu schaffen. Denn Photovoltaik liefert lediglich für 800 Stunden des Jahres Strom, das Jahr hat aber 8760 Stunden. Und auch Windkraftanlagen drehen sich lediglich ein Drittel des Jahres. Aber auch wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, erwarten wir Licht im Kühlschrank, Strom für den Computer, Energie für das Zementwerk in Deuna. Ansonsten würde sich das hochindustrialisierte Deutschland den Launen des Wetters ausliefern.
Wenn die gut 23% Kernenergie an der Stromerzeugung durch Wind, Sonne und Biomasse ersetzt werden sollen, braucht es großtechnische Speicheranlagen wie Pumpspeicherwerke und mehrere tausend Kilometer neue Stromleitungen, um den Windstrom von der Nordsee nach Süddeutschland zu transportieren. Hochspannungsleitungen und Pumpspeicheranlagen sind Großprojekte mit bis zu 20 Jahren Planungszeiten. Diese Zeit steht uns nach Fukushima nicht mehr zur Verfügung, alles muss jetzt schneller geschehen. Die Bundesregierung will darüber einen gesellschaftlichen Konsens erreichen, um Planungszeiten zu verkürzen und Investitionen zu ermöglichen.
Denn es kann nicht sein, dass in der Politik die einen für den Atomausstieg sorgen, gleichzeitig aber gegen neue Stromtrassen protestieren und Pumpspeicherwerke verhindern. Für bezahlbaren Strom und gesicherte Arbeitsplätze wird dann die Regierung verantwortlich gemacht.
Eine solche fehlverstandene Arbeitsteilung kann es nach Fukushima nicht mehr geben. Hier müssen im Interesse der Zukunftsfähigkeit unseres Landes viele über ihren „Kern-Schatten“ springen. Die Regierung ist in der Realität angekommen. Nun ist es an anderen, sich zu bewegen.
Dazu werde ich heute um 12 Uhr im Deutschen Bundestag reden.
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