Manfred Grund: Zahlen sind unbestechlich
Die wöchentliche Kolumne für TLZ / Eichsfelder Tageblatt: Debatte um Sozialversicherung
Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit und Zahlen sind dabei unbestechlich. Es gibt Zahlen, an denen im aktuellen Disput um die Zukunft unserer Sozialversicherungen kein Weg vorbei führt. So werden pro Jahr in der Rentenversicherung, Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung und Pflegeversicherung mehr als 400 Milliarden Euro ausgegeben. Einzahlen müssen diese gewaltige Geldmenge hälftig Beschäftigte und Arbeitgeber in Form von Sozialversicherungsbeiträgen. Neben der ja auch fälligen Steuer werden die SV-Beiträge direkt vom Brutto-Lohn abgezogen. Jede Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge verteuert die Arbeit und schmälert für die Beschäftigten den Netto-Lohn. Es bleibt immer weniger vom Brutto übrig.
Unsere Gesellschaft altert. Mit jedem Jahr erhöht sich die durchschnittliche Lebenserwartung um einen Monat, dazu hat sich glücklicherweise die Lebenserwartung in Ost und West nahezu angeglichen. Steigende Lebenserwartung bedeutet auch längeren Rentenbezug. Dank medizinischen Fortschritts bedeutet längeres Leben auch neue Therapien und bessere Behandlungsmöglichkeiten, verbunden mit steigenden Ausgaben in der Krankenversicherung. So weit, so gut – wenn wir denn auch in Zukunft genügend Arbeitsverhältnisse und damit genügend Beitragszahler in die Sozialkassen haben werden. Dann würden die Jungen nicht überfordert und die Älteren nicht benachteiligt.
Doch genau hier macht uns die Geburtenentwicklung, die demographische Entwicklung, einen dicken Strich durch die Rechnung. Uns Deutschen fehlt der Nachwuchs, wir haben aktuell zu wenig Kinder. In den kommenden zehn Jahren werden für jeweils 175 Rentner, die aus dem Berufsleben ausscheiden, nur 100 Berufseinsteiger nachrücken. Das ist eine wirkliche Zeitenwende. Im Jahre 2028 werden 1,4 Millionen Menschen das Rentenalter erreichen, aber nur 680.000 werden das 20. Lebensjahr voll enden. Diese Zahlen sind nicht mehr zu verändern, denn die Elterngeneration von 2028 ist bereits geboren.
An dieser Wirklichkeit, an diesen Zahlen führt kein Weg vorbei, sie müssen bei allen Reformen der Sozialversicherung Grundlage der Debatte sein. Wenn wir unseren Sozialstaat demographiefest und zukunftstauglich erhalten wollen, kann es ein einfaches „weiter so“ nicht geben.
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